Biozid-Workshop in Denkendorf

Ist der textile Infektionsschutz für die EU-Bevölkerung durch die EU-Biozid-Verordnung in Gefahr?

Textilien sind im Bereich des Infektionsschutzes unverzichtbare Barrieren für die Bevölkerung sowie bestimmte Risikogruppen. Hier ist die Bandbreite groß: von textilen Infektionsschutzausrüstungen gegen krankheitsübertragende Insekten, wie z. B. Zecken, über aseptisch wirkende Wundauflagen bis hin zu keimfreier Operationsschutzkleidung und hygienisch einwandfreier Krankenhauswäsche. Der Einsatz von bioziden Wirkstoffen ist dabei zur Erreichung der Schutzniveaus oftmals unverzichtbar. Dies war auch eines der Kernthemen des Workshops Biozid, den Südwesttextil am 11. Oktober in Kooperation mit der AFBW beim ITV in Denkendorf veranstaltete.

Seit September 2013 ist nun die EU-Biozid-Verordnung Nr. 528/2012 in Kraft und die Verordnung hält für Textiler neben den Kennzeichnungs- und Informationspflichten noch ganz andere Hürden bereit. Besonders im Bereich der Forschung und Entwicklung hat es die Branche mit der EU-Biozid-Verordnung nicht gerade einfach. Hier stellt sich den Forschern u. a. die Frage, welcher Biozid-Wirkstoff überhaupt noch für eine Neuentwicklung in der EU zukunftsfähig ist. Hohe Registrierungskosten oder die Verweigerung der Zulassung eines Wirkstoffes in der benötigten Produktklasse bei der ECHA lassen die Verfügbarkeit erheblich schrumpfen.

„Da noch viele Alt-Wirkstoffe in der Zulassung stecken, verlangt die Verordnung auch bei nachgehender Nicht-Genehmigung bei der ECHA, dass wir Textiler – übertragen auf Rennsport – bei Tempo 250 km/h noch kurz auf vor dem Ziel die Reifen wechseln sollen. Das gelingt nicht einmal den Kollegen bei der Formel 1“, so Stefan Thumm, Südwesttextil-Koordinator für Umwelt, Technik und Innovation, der den Workshop leitete. Beispiele, bei denen mit viel Aufwand erforschte Textilinnovationen bildlich gesprochen nur noch auf der Felge daherkommen, sprich nicht verkehrsfähig sind, gibt es leider auch schon. Hier zeigte der Workshop Wege, diese Problematik weitestgehend im Vorfeld auszuschalten. Prof. Dr. Michael Doser, stellvertretender Institutsleiter des ITV-Denkendorf und Leiter der Entwicklung Biomedizintechnik, zeigte in seinem Vortrag die wichtigen Forschungsthemen, die u. a. den noch immer viel zu hohen Ansteckungsraten in deutschen Krankenhäusern durch MRSA & Co zu Leibe rücken sollen. Auch hier spielen hygienisch einwandfreie Textilien eine Schlüsselrolle. Im speziellen Bereich der textilen Medizinprodukte, die in der Regel nicht unter den Rechtsakt der EU-Biozid-Verordnung fallen, sind die Innovations-Problematiken mit den hohen Zulassungs- bzw. Registrierungskosten, laut Prof. Doser, oft sehr gleich.

Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung waren Werbeaussagen zu Textilien. Sie können nicht nur Kennzeichnungs- und Informationspflichten auslösen, sondern auch gegebenenfalls zur Folge haben, dass das ausgerüstete Textil selbst als Biozid-Produkt für 80 000 Euro und mehr registrierungspflichtig wird. Im Bereich der sogenannten primären Biozid- Wirkung von Textilien stellt man seit geraumer Zeit von Seiten der Behörden eine Verengung der Sichtweise fest. Dies trifft vor allem die innovativen Technologien von KMUs und Start-ups, die über solche Finanzmittel nicht verfügen.

Die derzeitigen Biozid-Rechtsentwicklungen stellen das bisher gekannte textile EU-Infektionsschutzniveau in wichtigen Bereichen in Frage – ein Thema, das zum Schutz der EU-Bevölkerung vor Infektionskrankheiten differenzierter betrachtet werden muss.

 

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