Der Countdown für Europa läuft unerbittlich

Sind Stoffe bis zu diesem Stichtag bei der ECHA von der chemischen Industrie nicht registriert worden, dann sind Sie für die in der EU produzierenden Unternehmen bzw. Wertschöpfungsketten nicht mehr verfügbar und die Unternehmen müssen dann ggf. wegen Rohstoffmangels ihre EU-Produktion schließen bzw. ins Nicht-EU-Ausland verlagern. Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme und Systemanalyse in Sachen REACH, denn die Anzeichen deuten darauf hin, dass sich nicht nur die Rohstoff-Versorgungssicherheit für die EU-Industrie in einer massiven Schieflage befindet.

Für die REACH-Registrierung schreibt die ECHA (Europäische Chemikalienbehörde) spezielle Registrierkonsortien vor, wenn verschiedene Hersteller und Importeure den gleichen Stoff verwenden, denn zwei oder mehrere getrennte Registrierdossiers für den gleichen Stoff sind nicht erlaubt. Gleiches betrifft Preisabsprachen etc. zwischen den Herstellern. Sie sind im genehmigten Registrierkartell weiterhin nicht zulässig.

Ist ein Hersteller bzw. Importeur alleiniger REACH-Registrierer eines Stoffes, hat er zukünftig das EU-Monopol für den Verkauf dieses Stoffes, solange keine weiteren Anbieter diesen Stoff co-registrieren. Gut für den Monopolisten, schlecht für den Markt. Die teure REACH-Registrierung ist für viele mittelständische Chemiefirmen ein großes Problem und prinzipiell ein Vorteil für kapitalstarke Unternehmen. Geld ist maßgebend – Innovation, neue Ideen und auch Stoffe sowie Start-Ups scheitern oft an fehlendem Kapital und am REACH-System. Vor allem bei der Registrierung von Spezialrohstoffen haben KMU-Chemieunternehmen große Schwierigkeiten, die Geldmittel aufzubringen. Aus diesem Grund könnten viele Spezialrohstoffe vom EU-Markt verschwinden. Aktuell wenden sich deshalb vermehrt KMU-Chemie-Unternehmen an ihre EU-Kunden, um diese zur Beteiligung an den Registrierkosten zu bewegen. Die Zeit läuft offensichtlich allen davon!

Bei der ECHA ist aktuell eine Positivliste mit ca. 11.000 registrierten Stoffen bzw. chemischen Zwischenprodukten verfügbar. Aus dieser Liste lassen sich für das geübte Auge bei den registrierten Zwischenprodukten auch die Haupt-Syntheserouten von strategischen Hauptprodukten einzelner EU-Chemikalien-Hersteller ableiten – das legt Know-how in weiten Teilen offen. REACH ist damit leider so etwas wie eine transparente Plattform für den Export von EU-Know-how geworden.

Was fehlt ist eine Negativliste der derzeit Nicht-REACH-registrierten-Stoffe. Das Problem der Nicht-Registrierung wurde von der ECHA und der EU-Kommission nicht ausreichend bedacht. So ergibt sich generell für alle Wertschöpfungsketten der Industrie ein unkalkulierbares „Black-Box-Risiko“ – selbst wenn die Voraussetzung erfüllt wäre, dass ein Erzeugnis-Hersteller alle chemisch vorgelagerten Prozesse der Materialien der Zulieferer, die er einsetzt, komplett durchdringen könnte, um so eine Stückliste der eingesetzten Chemikalien für sein Endprodukt zu erstellen. Hier dürfte nicht nur der Hersteller des Airbus A 380 mit mehr als 4.000.000 Einzelteilen bzw. Baugruppen an seine Grenzen stoßen. Die Black Box öffnet sich ab dem 1. Juni 2018 Stück für Stück. So funktioniert REACH, aber: so funktioniert die Industrie in der EU nicht. Niemand kann dem abermaligen REACH-Stresstest noch etwas abgewinnen, außer man wäre vielleicht Produzent für Überraschungseier.

Nicht nur die Textiler wissen um diese Probleme, auch die ACEA-REACH-Taskforce der europäischen Automobilindustrie nimmt sich dieses Themas an. Sie fordert von der ECHA eine Negativliste, um mit Hilfe ihres IT-Systems IMDS (International Material Data System) die strategischen, nicht registrierten Stoffe identifizieren zu können. Diese sollen dann die Chemiehersteller, natürlich mit dem nötigen Druck, noch bis zum Stichtag registrieren. Doch auch das IMDS erkennt nicht alle Problembereiche, es ist aber weitaus besser als die Systeme der restlichen Industriezweige, falls überhaupt vorhanden.

Die Thematik geht aber noch viel tiefer, denn das REACH-System ist gerne autistisch und blendet nicht selten den Kontext einer globalen Weltwirtschaft völlig aus – nach dem Motto „Europa allein zu Hause“. In der Regel erkennen nur Experten und global denkende Strategen die gewichtigen Details, die sonst kaum einer überblicken bzw. bemerken kann. Ein Beispiel dafür sind in der textilen Wertschöpfungskette die hochheißlichtechten Spezialfarbstoffe für die Automobilindustrie. Diese meist auf der Chemikalie „Anthrachinon“ basierenden Spezial-Farbstoffe werden heute – nach deren völligen Verlagerung im vergangenen Jahrzehnt aus der EU – nur noch in Asien produziert. Bei der Anthrachinon-Synthese selbst gibt es nach den vorliegenden Informationen nur noch zwei Hersteller in Asien. Damit sind diese Farbstoffe zu einem äußerst strategischen Rohstoff für die ganze weltweit operierende Automobilindustrie geworden, ohne dass diese das selbst bisher mitbekommen hat. Und das ist kein Einzelfall.

Darüber hinaus setzt die EU mit der REACH-Registrierung und ihren Restriktionen im Farbstoffbereich für die noch verbliebene Farbstoffherstellung und Verwendung eine enorme EU-Markteintrittsbarriere für die heimischen Farbstoffhersteller und Importeure, für Textilveredler und Automobilhersteller. Denn die Registrier-Problematik gilt generell für viele Farbstoffe, die jetzt im unteren Mengenband von 1 bis 100 Tonnen bis zum 31. Mai 2018 registriert werden müssten.

Hier drohen den EU-Textilern u.a. auch Vertragsstrafen, wenn Farbstoffe ab Mitte 2018 nicht mehr für die Textilveredler verfügbar wären, denn in der Mode werden die Farben einer Saison schon Jahre im Voraus festgelegt und Verträge auf dieser Basis beschlossen. Was tun, wenn auch REACH-Registrierungs-Negativlisten etc. nicht weiterhelfen können? Die Produktion ins Nicht-EU-Ausland verlagern und die Ware dann in die EU-importieren? Ist das die einzig verbleibende Alternative?

Das 2014 von Südwesttextil und dem bayrischen Schwesterverband VTB gegründete „Farbstoffkompetenznetzwerk“ hat sich gemeinsam mit den unter dem Dach des Gesamtverbands textil+mode organisierten Verbänden und Euratex dieser Thematik in den letzten Jahren intensiv angenommen, um nach Lösungen zu suchen.

Fazit: Es geht nur gemeinsam mit den Farbstoffherstellern bzw. Farbstoffanbietern. Das zeigen pragmatische Lösungsansätze, die sich aus bereits geführten Einzelgesprächen mit der Firma Textilcolor (Sevelen/Schweiz) sowie mit der Firma Dystar (Frankfurt) ergeben haben. Der Wille zur Kooperation und Hilfe ist bei diesen Firmen äußerst bemerkenswert. Man sucht den Schulterschluss mit den Textilern. Im Spätherbst 2017 soll das Farbstoffkompetenznetzwerk wieder zusammenkommen (Informationen bei Stefan Thumm, umwelt@suedwesttextil.de).

Der Weg des Dialogs und der Kooperation wird bis dahin weiter mit den Farbstoffherstellern bzw. auch den Textilhilfsmittellieferanten fortgesetzt, denn bei der Registrierung sind noch zu viele Fragen offen.

Über REACH

REACH wurde im Jahr 2006 von der EU beschlossen. Das maßgeblich unter dem damaligen Bundesumweltminister Trittin im Vorfeld dieser Entscheidung vorangetriebene EU-Stoff- bzw. Chemikalienrecht zeigt nach einer langjährigen Konfigurierungsphase in den letzten vergangenen zwei Jahren durch Stoffregistrier- Restriktions-, Zulassungs-, und Einstufungsverfahren immer mehr negative Wirkungen auf die EU-Industrie, die aber erst zeitverzögert zum Tragen kommen werden und zu einer weitgehenden Desindustrialisierung der noch vorhandenen industriellen Kernzonen der EU führen. Dieses Desindustrialisierungsziel und den Wandel zu einer reinen ökologischen Dienstleistungsgesellschaft entsprach dem damaligen Zeitgeist vieler. Seit der Krise 2009/10, die zeigte, dass eine moderne Industrie mit ihren innovativen Produkten mehr denn je der Eckpfeiler für politische Stabilität und Wohlstand ist, hat sich die Haltung verändert. Deshalb müssen REACH und die Erreichung der ursprünglichen Ziele deutlich in Frage gestellt werden.

Die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit unserer EU-Industrie steht in Teilen auf dem Spiel: Denn Importerzeugnisse aus Nicht-EU-Ländern unterliegen den vielen REACH-Regularien (Registrierung, Zulassung etc.) eben nicht und werden faktisch auch nicht kontrolliert. So vernichtet REACH nicht nur zunehmend Arbeitsplätze in der EU-Industrie, sondern verfehlt auch die Zielsetzungen im EU-Umwelt- und Verbraucherschutz.

Eine Vorhersage aus dem Jahr 2005 bezüglich den Auswirkungen von REACH bezüglich der textilen Lieferkette, die nun alle vollumfänglich eingetreten sind, finden Sie hier.

Foto: © iStockphoto.com/serggn

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